Es gibt so Dinge, die signalisieren: Ein Jahr geht zu Ende. Weihnachtsmärkte, natürlich, und Kaufrituale (Weihnachtsbaum, Geschenke, Lebkuchen, Backzutaten – jedenfalls in diesen Breiten). Für mich sind es aber auch zwei immaterielle Sachen: einmal die Nobelpreisverkündigungen. Wenn das durch die Medien geht und die Preisträger verkündet werden, denke ich immer: ach ist, wieder so weit.
Und das Zweite sind die Reith Lectures. Die BBC lädt hier jedes Jahr eine führende Persönlichkeit ein, eine Reihe von Vorträgen im Radio zu halten. Ziel ist es, das öffentliche Verständnis und die Debatte über wichtige Themen von aktuellem Interesse zu fördern.
Die Reihe gibt es seit 1948, seit einigen Jahren auch als Podcast für uns alle, die nicht BBC Radio hören (können). Die Lectures – es sind jeweils vier – erscheinen immer Anfang Dezember: ein klarer Hinweis für mich, dass das Jahr zu Ende geht und immer ein Anlass, sich einem Thema zu nähern.
Die Themen sind unterschiedlichster Art: politisch, kulturell, wissenschaftlich, soziologisch. Vor ein paar Jahren hat Hillary Mantel vier wunderbare Folgen darüber referiert, wie wir, und dabei insbesondere sie als Autorin historischer Romane, uns mit der Vergangenheit und der Geschichte auseinandersetzen. Die Vorträge sind noch zu finden unter diesem Link
Die Historikerin Margret MacMillan sprach über Krieg, dass er Teil des Menschseins ist und wie er sich in Kultur und Konflikt niederschlägt. Der Informatiker Stuart Russell sprach über „Living with AI“ und so weiter und so weiter. Die gesamte Liste der verfügbaren Reith Lectures findet sich auf dieser BBC-Seite.
In diesem Jahr spricht nun die forensische Psychologin Dr. Gwen Adshead über „Vier Fragen zum Thema Gewalt“. Sie spricht über ihre Erfahrungen mit Gewalttätern, über Motivationen und darüber, ob Menschen per se böse sein können, oder ob wir nicht alle in der Lage sind, in eine böse Geisteshaltung zu geraten, die dann zu Gewalt führt.
Das Jahresende lädt ja immer zur Einkehr und zur Kontemplation ein. Die Reith Lectures sind für mich immer ein Ereignis, dass mir diese Einladung frei Haus liefert. Ich lerne immer etwas und es bleibt immer etwas zurück.
Sie seien daher empfohlen.
P.S: Jaja, die Lectures sind kein Buch, und außerdem auf Englisch. Aber es gibt auf den Seite für die einzelnen Episoden auch Transkripte (gedrucktes Wort….), die man sich mit den einschlägigen Tools wie DeepL übersetzen lassen kann. Also gilt das vielleicht so halb, ja?
